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Landesgalerie Linz, 2013
  

Territory

Judith Huemers konzeptionelle Arbeit bezieht sich auf das von Gilles Deleuze geprägte philosophische Verständnis, das dem Begriff „Werden“ eine besondere Bedeutung zuspricht. Demnach befindet sich alles in einem bewegten Prozess, bei dem es keinen Anfangs- oder Endpunkt gibt. Die Beschäftigung mit Deleuze bildet den Ausgangspunkt für das Raumkonzept der Ausstellung, das Huemer speziell für den Wappensaal in der Landesgalerie Linz entwickelt hat. Die Übertragung philosophischer Überlegungen in eine Ausstellungssituation führt dabei zu außergewöhnlichen Wahrnehmungs- und Raumerlebnissen. Die Künstlerin begreift den Ausstellungsraum nicht als ein starr definiertes Territorium, in dem Installationen oder Bilder präsentiert werden, sondern als einen Bereich mit Raumgrenzen, die aufgebrochen oder neu interpretiert werden können. So wird auch der Wappensaal als ein System begriffen, das sich in einem Prozess des „Werdens“ befindet. Die Eingangssituation wird blockiert, repräsentative Wände bleiben frei, während die Arbeiten an sonst unbedeutenden Durchgangszonen und Zwischenbereichen präsentiert werden. So steht die Verdichtung großformatiger, farbintensiver Farbfotografien an einem ungewöhnlichen Präsentationsort einer Reihung kleinformatiger S/W-Fotoarbeiten gegenüber. Die Visualisierung des philosophisch aufgeladenen Begriffs „Werden“ wiederum, der in einer neon-pinken Leuchtschrift von der Decke strahlt, verleiht der Raumwirkung Leichtigkeit, ohne den hohen ästhetischen Anspruch aufzulösen. In einer räumlichen Setzung werden alltägliche Gegenstände aus einfachen Materialien auf Sockel gestellt und somit skulptural aufgewertet. Die Sockel wiederum sind offen und geben Durchblicke frei. Dr. Inga Kleinknecht, Kuratorin

Speech by Inga Kleinknecht/ curator

Sehr geehrte Damen und Herren! Ich darf Sie alle ganz herzlich begrüßen zur Eröffnung der Ausstellung "Territory" der Künstlerin Judith Huemer. Neben dem Publikum möchte ich vor allem auch die Künstlerin selbst begrüßen. Liebe Judith, herzlich Willkommen und herzlichen Dank für dein beeindruckendes und originelles Unterfangen, den Wappensaal der Landesgalerie mit einem eigens erarbeiteten Konzept zu "bespielen". Besonders spannend war für mich Huemers spezielle Herangehensweise an das Projekt. So wie wir es von anderen Künstlerinnen und Künstlern gewohnt sind, beschäftigte sie sich zunächst mit der Raumsituation bzw. mit dem Grund- und Aufrissplan des Ausstellungsraumes. Ungewöhnlich aber war, dass sich Judith Huemer weniger für unsere doch so repräsentativen, extra neu gestrichenen Wandflächen interessierte, oder gar für die Eingangsituation, die so wunderbar einladend gestaltet werden kann. Stattdessen suchte sie zunächst nach einer Lösung, wie man den direkten, gewohnten Zugang in den Raum blockieren könnte; sie entschied, die sonst so bedeutende Wandflächen einfach frei zu lassen und stattdessen vermeintlich unbedeutende Winkel im Raum und irgendwelche Durchgangszonen zu verwerten. Ihr Ziel war es den Ausstellungsraum nicht als ein starr definiertes Territorium zu begreifen, sondern vielmehr als einen Bereich mit Raumgrenzen, die aufgebrochen werden können.

Philosophische Überlegungen bilden dabei einen ganz wesentlichen Ausgangspunkt für dieses Raumkonzept Judith Huemer bezieht sich auf das von Gilles Deleuze geprägte, philosophische Verständnis, das dem Begriff "Werden" Demnach befindet sich alles in einem bewegten Prozess, bei dem es keinen Anfangs- oder Endpunkt gibt. Diese philosophischen Kategorien werden in die Ausstellungskonzeption übersetzt. Das betrifft alle Bereiche, die in irgendeiner Form durch Grenzen definiert sind: Räume, Größen und Formate aber auch Sprache, Denk- und Sichtweisen. Alles und jedes kann fortlaufend neu interpretiert werden. Großformatige, farbintensive Fotoarbeiten werden ungewöhnlich dicht und überlappend gehängt. Sie zeigen Stoffballen oder Stoffbahnen, die gerne als "billig" oder "kitschig" bezeichnet werden. Aufgestellt und farbkompositorisch gereiht, wirken sie wie eigenständige Charaktere oder Rollenbilder. Das Aufgreifen von Farb- und Materialklischees zeigt sich auch in der Visualisierung des philosophisch aufgeladenen Begriffs "Werden", der in neonpinken Leuchtbuchstaben von der Decke strahlt. Das Neonlicht verleiht der Raumwirkung Leichtigkeit, ohne den hohen ästhetischen Anspruch aufzulösen. Dem gegenüber steht eine Serie, klassisch gereihter kleinformatiger Fotoarbeiten. Diese Fotoserie mit dem Titel "Territory" zeigt, dasstrotzoder gerade auf Grund des eingeschränkten Sichtfeldes spannende Einblicke möglich sind. (es geht um einen Bildausschnitt, der den Blick auf ein weibliches Dekoltee frei gibt. Der Bildausschnitt ist so gewählt, dass der Vergleich mit dem Blick aus der Verschleierung einer Burka zulässig ist. Der Ausschnitt auf einen Ausschnitt.) Die Installationen im Raum sind alltägliche Gegenstände aus einfachen Materialien, diese werden auf Sockel gestellt und somit skulptural aufgewertet. Die Sockel wiederum sind offen und geben Durchblicke frei.
Ein Video wird auf einem verhältnismäßig kleinen Monitor gezeigt, der bewusst etwas abgerutscht vom Sockel montiert ist. Zu sehen sind Aufnahmen vom Rockefeiler Center in New York, in dessen Ambiente sich die Künstlerin selbst positioniert und die Symbolkraft des historischen Machtbaus relativiert. in dem sich Judith Huemer auch persönlich auf das Prozesshafte des "Werdens" einlässt, schafft sie für ihre Gesamtinstallation ein stimmiges Konzept, das räumliche und gedao!ffi(;he Territorien auflöst und neu interpretiert. Die ö'sferreichische Künstlerin versucht, durch künstlerische Reflektion das Bewusstsein für bestehende Grenzen- für Territorien- zu wecken und diese gleichzeitig in Frage zu stellen. Dabei geht es ihr weniger um eine kritische Wertung, als um die Möglichkeit Territorien oder Bereiche in ihrem "Werden" oder in ihrer Prozesshaftigkeit wahrzunehmen.
Die Gesamtinstallation bleibt auf mehren Ebenen lesbar. Zweifelsohne erfährt man in der Ausstellung ein sehr ungewöhnliches Raumerlebnis, Je nach dem wie weit man sich auf die Thematik einlässt, öffnen die inhaltlichen oder philosophischen Zugänge auch neue Möglichkeiten, mit der eigenen Wahrnehmung oder der Wertung von Grenzen umzugehen. in diesem Sinne darf ich ganz herzlich einladen, sich auf das von Judith Huemer gestaltete Territorium einzulassen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit Ich danke allen, die an dem Gelingen dieser Ausstellung beteiligt waren und sind. Ich danke der Künstlerin Judith Huemer. Und ich danke Ihnen meine sehr geehrten Damen und Herren fur Ihr Kommen und Ihr geschätztes Interesse. Ich wünsche der Ausstellung viele Menschen, die sich auf sie einlassen. Vielen Dank!

© Judith Huemer 2015